Ansichten -Einsichten.
Wilhelm Witte ist sein Leben lang Jäger in einer großen Familie mit langer Jagdtradition in Schwalingen. Begonnen hat es für ihn irgendwann früh in den 1950er Jahren, als er noch ein kleiner Junge war. Anfang September, zu Beginn der "Hühner- Jagd" war es, da wurde er von dem Cousin seines Vaters, Karl Witte aus Gilmerdingen, eingeladen: "Komm her, meine Junge, ich will Dir das Jagen beibringen". Von da an hat es Wilhelm Witte nie mehr losgelassen. "Mein Großvater Wilhelm Gebers hier auf dem Reuers-Hof war da eher ein Gesellschaftsjäger", erzählt Wilhelm Witte, "in seinem ganzen Leben hat der keinen Bock geschossen - da haben sie ihm dann später eine Holzscheibe geschenkt, auf der ein Bock gemalt ist. Die konnte er sich an die Wand hängen, weil er ja keine Trophäe hatte." Die Holzscheibe gibt es heute noch und wird von Wilhelm Witte in Ehren gehalten. "So lange ich zurück denken kann", erzählt Wilhelm Witte weiter, "war die Landschaft hier eher kleinteilig. Überall auf den kleinen Ackerstreifen wechselte die Frucht. Auf den Streifen Kartoffeln folgte ein Streifen Runkeln, dann ein Streifen Roggen, dann wieder Kartoffeln. Und dazwischen immer, als schmaler Grenzstreifen, ein Rehmel. Kaum schickte man den Hund in den Acker, stand er auch schon - vor einer Rebhuhn-Kette oder so. Denn die fanden da Nahrung, die Melde und andere Wildkräuter durften damals noch wachsen." Zur Vielfalt des Wildes in dieser Zeit fällt Wilhelm Witte ein: "Rebhühner gab es und Fasane, sie gehörten zu Landschaft hier. Und Kaninchen, was gab für Kaninchen hier. Die Jagdstrecke war in guten Jahren 450 Stück. Und wenn es schlecht kam, dann waren es 250. Schwarzwild gab es hier wenig zu der Zeit." Inzwischen hat sich die Landschaft verändert, die Spuren des landwirtschaftlichen Strukturwandels sind unübersehbar, gerade auch für den Jäger. Wilhelm Witte: "Die Rehmel sind überall verschwunden, man hat sie in die Äcker einbezogen und die Äcker zu Großflächen zusammen- gelegt, wie im Ostermoor, Im Stremel oder Hinterm Suhrfeld. Sie werden chemisch von allem Wildkraut frei gehalten. Der Lebensraum für Fasane und Rebhühner ist vernichtet - ich hab' schon seit Jahren keine mehr gesehen. Und Kaninchen, die gibt es hier nicht mehr." Wilhelm Witte stellt sich nicht gegen den Fortschritt. "Aber da wird kein Ausgleich geschaffen. Jede kleine Wiese ist umgebrochen und zu Maisfläche geworden. Wege werden umgeflügt. Die Ackerraine sollen möglichst baum- und strauchfrei sein, um die riesigen Maschinen nicht zu behindern, alte Hecken werden einfach runtergemacht. Und sollen einmal ein paar Bäume oder eine kurze Hecke neu gepflanzt werden, da wo eigentlich reichlich Platz ist, heißt es: "Bei mir nicht !". Unsere Landschaft ist zur Nutzfläche geworden. Da haben sich nicht nur die Strukturen gewandelt, sondern auch die Werte - und da fehlt mir was", bringt es Wilhelm Witte auf den Punkt. Und er legt auch gleich noch nach:"Mit großem Aufwand wird die Rückkehr des Wolfes in unsere Gegend unterstützt und gefördert. Alle reden davon - und wer redet über unsere heimischen Tiere, die durch den landwirtschaftlichen Struktur- wandel vertrieben sind ?"
"Landwirt und Jäger haben immer Hand in Hand zusammengearbeitet", erinnert Wilhelm Witte," bei der Wildschadenverhütung zum Beispiel. Wenn sich die Wildschweine im Kartoffelacker zu schaffen machten, war es für uns Jäger klar, dass wir Abhilfe geschaffen haben. Die riesigen Maisflächen heute bieten dem Schwarzwild ein enormes Futterangebot und dabei auch noch undurchdringlichen Schutz. Noch immer fühlen wir Jäger uns verpflichtet, den Landwirt vor Wildschäden zu bewahren. Aber die Strukturen, die er geschaffen hat, setzen uns nun endgültig Grenzen." Auch hier erkennt Wilhelm Witte einen Wandel der Werte, besonders in den letzten wenigen Jahren. Jeden Tag fährt er ins Revier und sucht nach Anzeichen von Wildschweinen. Denn wenn sie erst einmal da sind, muss rasch gehandelt werden, sonst ist der Schaden schnell groß. Aber seine Meldungen an die Landwirte zeigen keine Wirkung mehr. Seine Empfehlungen, Jagdschneisen zu häckseln, um die großen Flächen überschaubarer zu machen und so eine Bejagung zu ermöglichen, werden nicht mehr aufgegriffen - die Landwirte wägen Aufwand und Ertragsverluste durch das Anlegen der Jagdschneisen gegen möglichen Wildschaden ab. Und für gemeinsame Beratungen zwischen Landwirten und Jägern, wie es weitergehen kann, fehlt wohl die Zeit. "Da findet der Aufwand keine Anerkennung mehr, den wir als Jäger treiben, um Wildschäden zum Vorteil der Landwirte zu vermeiden und letztlich alle Jagdgenossen vor Kosten zu bewahren," fasst Wilhelm Witte zusammen, "der Wert unseres freiwilligen Einsatzes wird nicht mehr gesehen." Und dann ergänzt er: "Wie viele Wildschäden haben wir bisher auf eigene Kosten wieder herge- richtet… das war immer einvernehmlich mit den Landwirten. Keiner hatte Anlass, Schadenersatz bei der Jagdgenossenschaft zu fordern". Das könnte sich ändern, befürchtet Wilhelm Witte. Vor gar nicht so langer Zeit ist es Wilhelm Witte gelungen, sich einen Lebenstraum zu erfüllen: Eine Eigenjagd in Schwalingen. Aber er besitzt auch noch erhebliche Ackerflächen, die verpachtet sind: "Hier habe ich aber meinen Einfluss auf die Bewirtschaftung behalten."erklärt Wilhelm Witte. " In den Pacht- verträgen ist geregelt, dass nicht ausschließlich Mais angebaut werden kann, sondern die Frucht regelmäßig wechseln muss." "Wie es weiter geht ? Auch Landwirte sind als Jagdgenossen nach dem Deutschen Jagdrecht verpflichtet, sich für die Erhaltung eines artenreichen Wildbestandes und seines Lebensraumes einzusetzen. Die Einseitigkeit aber, mit der heute unsere Landschaft bewirtschaftet und umgestaltet wird, die Einstellung dahinter, die ich erlebe, sind nicht das, was ich mir vorstelle - schon gar nicht als Mitpächter der Schwalinger Jagd. Ich sehe da auch derzeit keine Anzeichen einer Änderung hin zu mehr Gemeinsamkeit. Ich werde mich wohl auf meine Eigenjagd und mein eigenes Land zurück- ziehen. " erklärt Wilhelm Witte und schließt dann nachdenklich: "Mir ist schon klar, dass ich mich damit auch zu einem Teil aus der Entwicklung des Dorfes zurück- ziehen würde. Das fällt mir nicht leicht, aber ich bleibe ja Genosse in der Jagdgenossenschaft - schon, weil das Gesetz es so will. Und natürlich bleibt die Tür für konstruktive Gespräche immer offen."
Spuren des Strukturwandels
Grenzen erreicht
Ein Lebenstraum erfüllt
Die Tür bleibt offen
... da fehlt mir was.